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4. Januar 2011 Hamide Akbayir und Michael Aggelidis

Industrielle Lebensmittelherstellung vergiftet uns!

www.wir-haben-es-satt.de

Das neue Jahr fängt leider gleich mit einem Skandal an. Dioxinverseuchte Eier und dioxinverseuchtes Geflügelfleisch sind in großen Mengen an Verbraucher/Innen verkauft und wohl auch verzehrt worden.

Anfang Januar 2011 sind daraufhin einige hundert landwirtschaftliche Großbetriebe  stillgelegt worden, weil sie wahrscheinlich dioxinverseuchte Futtermittel an ihre Tiere verfüttert  haben. So ist Dioxin in Eiern und in verschiedenen Tierfuttermitteln festgestellt worden. Das belastete Futter war für Geflügel, Schweine und Puten bestimmt. Betroffen sind mehrere Bundesländer, in denen Futter von einer Firma bezogen wurde, die offenbar Fettsäure aus einer Biodieselanlage verwendet hat. Diese Fettsäuren waren aber, so wird behauptet, nur für die technische Nutzung gedacht. Der betroffene Futtermittelhersteller sagt dazu, dass er schon jahrelang Reste aus der Biodieselherstellung sowie der Nahrungsmittelindustrie aufgekauft und zu Viehfutter verarbeitet hat. Bisher sei auch alles gut verlaufen. Denn das Fett stamme von Biodieselherstellern, und das sei ja wohl in Ordnung, so erklärt der Futtermittelhersteller. Ganz nach dem Motto: Wo Bio draufsteht ist auch Bio drin. Allerdings erscheint kaum glaubhaft, dass Großproduzenten tatsächlich so blauäugig sind. Aktuell wurde das Dioxin durch eine Routineuntersuchung in den Futtermitteln festgestellt. Möglicherweise hat es giftige Belastungen auch durch verunreinigte Maschinenteile gegeben, die aus Holland bezogen und in der Produktion von Futtermitteln eingesetzt wurden.

In NRW sind bisher über 14 Betriebe gesperrt worden. Weitere werden geprüft. Außerdem sind hier bisher 8000 Legehennen getötet worden, die das verseuchte Futter bekommen hatten. Es wird vermutet, dass ca. 210 000 dioxinbelastete Eier im Verkauf gelandet sind. Was genau passiert ist, untersucht derweil die Staatsanwaltschaft.

Unsere industrialisierte Landwirtschaft produziert immer mehr Skandale. Tiere werden nicht mehr als Lebewesen gesehen und als solche gehalten und behandelt, sondern sie sind leider nur noch Produkte zum Geldverdienen. Sie werden in riesigen Anlagen zusammengepfercht und möglichst schnell mit billigsten Futtermitteln schlachtreif gemacht. Dann werden die Tiere durch die ganze Republik, teilweise durch ganz Europa gekarrt, um in einem Großschlachthof zu enden.

Dieses industriell produzierte Produkt „Tier“ kommt dann billig in unsere Supermärkte, damit wir Verbraucher/Innen täglich billiges Fleisch und billige Eier konsumieren können. Grundsätzlich sind daher Bioprodukte empfehlenswert, da sie am wenigsten bzw. meistens gar nicht mit Schadstoffen belastet und auch im aktuellen Dioxin-Skandal nicht betroffen sind. Angemerkt werden muss in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich erwerbslose Menschen mit Hartz IV-Bezug und Menschen im Niedriglohnsektor - und das sind inzwischen viele Millionen - solche höherwertigen Bioprodukte nicht leisten können.

Für die notwendige Überwachung der Betriebe (landwirtschaftliche Betriebe sowie Futtermittel- und Lebensmittelunternehmen) wird offenbar nicht ausreichend Geld und Personal bereitgestellt. So sind laut Frankfurter Rundschau in den letzten Jahren deutschlandweit nur 55 Prozent aller Betriebe kontrolliert worden. In den meisten Bundesländern werden nur sporadische Stichproben durchgeführt. Das wissen die Betriebsführungen, die Futtermittel und andere Produkte für die Landwirtschaft herstellen, und können so oft schalten und walten wie sie wollen. Hauptsache, es werden Gewinne erzielt.

Finanziert wird die kapitalistische Produktionsweise im Agrarsektor mit riesigen Mitteln der EU und der Bundesländer. Hier verschwinden jährlich Milliarden Euro, die offiziell Agrarsubventionen genannt werden. Sie werden aber nur in geringem Umfang an bäuerliche Betriebe vergeben, der Löwenanteil geht an die Lebensmittel- und ähnliche Großindustrien. Wagt es ein Politiker, diese Gelder zu streichen und für kleine, lokale landwirtschaftliche Betriebe einzutreten, wird mit Arbeitsplatzabbau gedroht. Dabei sind in Großbetrieben oft weniger Arbeitsplätze vorhanden als in kleinen bäuerlichen Betrieben notwendig und vorhanden waren.

Landwirtschaftliche Großbetriebe sind ein grundsätzliches Problem. Ihre Produkte werden in ganz Deutschland und oft auch weltweit verkauft. Dabei vernichten sie im Ausland, wie z.B. in Afrika, oft die lokalen Märkte durch die Überschwemmung mit ihren Billigprodukten. Sind diese vergiftet oder sonst unbrauchbar, so sind gleich tausende von Menschen betroffen. Und die Vertriebswege dieser Großproduzenten sind, wie auch im aktuellen Dioxin-Skandal, schwierig nachzuvollziehen, so dass niemand direkt verantwortlich gemacht werden kann. Das erleichtert kriminelle Machenschaften erheblich.

Landwirtschaftliche Großbetriebe brauchen große Mengen an Futtermitteln und Medikamenten für Tiere, die möglichst billig und natürlich nicht biologisch produziert werden. Die Lebensmittel- und Futtermittelgesetze lassen außerdem zahlreiche Merkwürdigkeiten zu. So sind in Futtermitteln Rohfette (darunter Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren verestert mit Milchsäure, Zitronensäure usw.), Rohfasern, Rohasche, Stärke, Harnstoffe und ähnliche Stoffe zulässig. Alles nach Vorschrift und für Menschen „natürlich nicht gesundheitsgefährdend“. Was sonst noch an Abfallprodukten für Tierfutter Verwendung findet, ist in weitverzweigten Vertriebswegen schwierig nachzuprüfen. Wo schließlich die „Endprodukte“ landen, kann bestenfalls nur in mühsamer Kleinarbeit nachvollzogen werden.

Die Risiken für die Gesundheit der Tiere und Menschen sind infolge der industriellen Produktionsweise enorm. Menschen leiden durch die belasteten Lebensmittel immer öfter unter Allergien und anderen Krankheiten. Dioxin z.B. wird im Fettgewebe gespeichert und steht im Verdacht Krebs auszulösen. Dabei sind auch kleine aufgenommene Mengen an Schadstoffen gefährlich, da sie die lebenslange Dosisaufnahme erhöhen und damit auch das Krankheitsrisiko.

Eine Lösung, sowohl für eine artgerechte Tierhaltung als auch für den Verbraucherschutz, wäre die Etablierung einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft  (möglichst biologisch bewirtschaftet). Sie könnte effizient lokale Märkte beliefern. Die Menschen in deren Einzugsbereich wüssten, woher ihre Lebensmittel kommen und wie sie produziert wurden. Zudem würde nicht massenhaft Gülle die Böden und die Luft verunreinigen. Die Monokulturen für Futtermittel fielen weg und damit auch der zu große Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, die ebenfalls die Böden und das Grundwasser enorm belasten. Wir hätten wieder eine Landschaft, die einer vernünftigen Lebensmittelproduktion dient und durch die Vielfalt der Pflanzen und Tiere (Biodiversität) auch eine lebenswerte Umgebung für uns Menschen schafft.

 

Hamide Akbayir
Sprecherin für Umwelt- und Verbraucherschutz der Fraktion Die Linke im Landtag NRW

Michael Aggelidis
Sprecher für Energie- und Wirtschaftspolitik der Fraktion Die Linke im Landtag NRW